Woche 5: Air, Sexy Boy

Alles hängt zusammen. Tiefe ist eine Frage der Sichtweise. In Wien gibt es zehn hübsche Frauen.

Das elektronische Äquivalent zu einer Talkbox setzt unvermittelt ein, dann kommt der Drumcomputer und irgendwie hat man das Gefühl, die ersten zwanzig Sekunden von dieser Bon Jovi-Nummer übersprungen zu haben, dabei ist es ein anderes Lied, eine andere Band und eine andere Dekade. Es sind nicht die 80er, es sind die ganz späten 90er. Und doch besteht ein mysteriöser Zusammenhang: Stellt man 98, das Jahr des Erscheinens von Sexy Boy, auf den Kopf, hat man 86 – das Jahr, in dem Livin‘ on a Prayer erschienen ist. Aluhüte jetzt bitte wieder absetzen.

Sexy boy
Sexy boy

Mit dem Text protestiert man nicht gegen Bombenanschläge, man setzt damit kein Denkmal für kleine Leute und man bespricht noch nicht einmal das Wetter. In seiner ergreifenden Schlichtheit gibt diese Passage im Zusammenspiel mit den folgenden Zeilen dennoch den Zustand der Welt damals, vor zwanzig Jahren, ebenso wie heute präzise wieder:

Où sont tes héros
Au corps d’athlète?
Où sont tes idoles
Mal rasés, bien habillés?

[Weil Air tatsächlich eine französische Band ist und der zu Anfang zitierte Refrain insofern in die Irre führt, erlaube ich mir, hier eine freie Übersetzung anzubringen:

Wo sind Deine Helden
mit dem Körper eines Athleten?
Wo sind Deine Idole,
schlecht rasiert, gut gekleidet?]

Äußerlichkeiten spielen in der modernen Gesellschaft – gefühlt – eine immer wichtiger werdende Rolle. Als gutaussehend wahrgenommene Menschen werden als sympathischer eingeschätzt, haben besser bezahlte Jobs und mehr von dem, was quantifizierbar als Erfolg eingestuft wird. „Schlecht rasiert, gut gekleidet“ reicht schon mal zur Begründung eines Status‘ als „Idol“. Wertungsfrei festgestellt, das wissen wir alle. Warum wiederhole ich es dann hier?

Weil ich Jeremy Meeks ganz herzlich zum 34. Geburtstag gratulieren möchte. Jeremy Wem? Wer auf den extra eingefügten Link klickt, blickt in die huskyblauen Augen rechts und links einer ungewöhnlich geraden Nase über vollen, fast zu weich anmutenden Lippen und erinnert sich (hoffentlich) an das Internetphänomen aus dem Jahr 2014. Für alle anderen: Jeremy Meeks ist der Kandidat, der als 18-Jähriger erstmals straffällig wurde, später Mitglied in irgendeiner hier völlig unbekannten Gang war und dessen „mugshot“ (hier: Foto eines Straftäters, das unmittelbar nach der Verhaftung im Zuge der erkennungsdienstlichen Behandlung aufgenommen wird) von der kalifornischen Polizei ins Netz gestellt wurde und anschließend bei ungefähr 98% der Damenwelt in der westlichen Hemisphäre für unruhigen Schlaf sorgte.

Dans leurs yeux des dollars
Dans leurs sourires des diamants

[Dollar(zeichen) in den Augen
Ein Lächeln voller Diamanten]

Der Rest ist Geschichte: Aus der Haft entlassen, unterschreibt er diverse Model-Verträge, läuft in New York, Mailand usw. und posiert zusammen mit Supermodel Bar Refaeli. Wir erinnern uns: Bar Refaeli war mal mit Leonardo DiCaprio zusammen, nachdem sie sich auf einer Party getroffen hatten, die von den Jungs von U2 geschmissen wurde. Mittlerweile hat der gute Jeremy seine Ehefrau, mit der er während seiner Kleinkriminellen-Karriere verheiratet war, verlassen und vergnügt sich mit einer Milliarden-Erbin.

Und Air hat das alles in den wenigen Zeilen von „Sexy Boy“ erfass, schon bevor die Welt von Jeremy Meeks erfuhr. Ist das jetzt „tief“ oder nicht? Muss diese Frage beantwortet werden? Der Sportsfreund Meeks ist landauf, landab auch nicht für seine Eloquenz oder die Tiefe seiner Gedanken bekannt. Anders als in der Antike, der Aufklärung oder 1980 (oder so) muss hinter der Verknappung, der Reduktion, dem Destillat kein langwieriger Denkprozess stehen, es kann auch mal nichts dahinter sein. Freuen wir uns an der gefälligen Oberfläche, bei Lied und Mensch, und schauen wir nicht dahinter!

[Unbedingte Musikempfehlung: Wer was zum Dahinterschauen und Nachdenken braucht, dem sei Leonard Cohens Take this Walz empfohlen. Hier ein Auszug aus der ersten Strophe:

Now in Vienna there are ten pretty women
There’s a shoulder where Death comes to cry
There’s a lobby with nine hundred windows
There’s a tree where the doves go to die

Und das ist nur der Anfang. Aber: Wien und Tod, da war doch was? Herrschaftszeiten, jetzt ist der Hölzel Hans seit gestern schon zwanzig Jahre tot! Er war ein Meister der Zuspitzung, des Wesentlichen. Wenn man ihn heute nach den Zuständen der Welt fragen könnte, würde er vermutlich lapidar antworten: „Das Leben ist Veränderung„. Knapper geht es nicht.]

 

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