Woche 8: Die Crackers, Phonhaus

Das Adjektiv als stilistisches Mittel zur Emphase. Vom Einzahlen bis Vier. Ein flammender Aufruf, trotz möglicher Einwände.

Liebe Hermeneutikerin, lieber Hermeneutiker,

in unserer kleinen Reihe „Hermeneutik hessischer Harmonie-Heroen“ begeben wir uns heute auf einen Streifzug durch das Frühwerk einer Gruppierung, die nicht nur eine überragende Rolle in ihrem originär geographisch begrenzten Wirkkreis im populär-kulturellen Segment der Unterhaltungsmusik innehatte, sondern – zu ihrer Zeit, einem Damals, das heute mehr denn je gefühlt in unbestimmter Ferne liegt, das uns aber stets gegenwärtig sein sollte  – den Sprachgebrauch und damit das Denken der späten Bonner Republik nachhaltig geprägt hat. Wir werden uns befassen, wohlgemerkt immer aus der Perspektive der vergangenen Gegenwart heraus, mit einzelnen Aspekten des in lyrische Form gegossenen Gedankenguts und der gleichsam damit manifestierten Weltanschauung der unbestritten bis heute als die größte Band, die Wiesbaden jemals hervorgebracht hat, gefeierten, einzigartigen und bis heute unvergessenen Combo , die als „Die Crackers“ in die Geschichtsschreibung eingegangen ist.

Der in ihrem 1981 erschienenen Erstlingswerk „BRDigung“ – schon der kritische Unterton im Albumtitel lässt auf die unbequeme, vergleichsweise unangepasste Haltung zu den Verhältnissen des neu beginnenden und aus heutiger Sicht immer wieder verklärten Jahrzehnts schließen – enthaltene und darüber hinaus als Single-Auskopplung auf Kleinschallplatte mit 45 RPM veröffentlichte Track „Phonhaus“ soll uns heute als Grundlage für die Interpretation und das Verstehen sowohl der textlichen als auch der musikalischen Ausgestaltung dienen dienen; schließlich ist nicht nur in Texte, sondern in alle menschlichen Schöpfungen Sinn eingegangen und diesen herauszulesen, ist die uns gestellte hermeneutische Aufgabe. Beginnen wir sinnhafterweise mit dem Anfang des Liedtextes:

Er tut den Stecker rein und alle Knöpfe auf 10

dann kann die tierische Post abgeh’n.

Und dann denkst Du, jetzt ist es endlich vorbei,

dann zählt er wieder an und das geht: 2 – 3 – 4.

Durch die sehr frühzeitige Erwähnung des „Steckers“ und der „Knöpfe“ setzt der Komponist und Texter Johannes Malolepssy den elektronisch verstärkten Grundton, der nach Verklingen des a-capella-eingesungenen Intros von der kräftig einsetzenden Stromgitarre aufgegriffen wird. Mit „auf 10“ wird maximale Lautstärke signalisiert; im Bereich der Rockmusik taucht dieses Motiv, u.a. bei den stilistisch sich stark unterscheidenden amerikanischen Heavy Metal-Legenden von Manowar („All men play on ten“), immer wieder auf. [Anmerkung: Lediglich die Marshall-Boxen der etwas später am musikalischen Horizont auftauchenden „Ärzte“ gehen – so der Liedtext von „Gute Zeit“ – bis 11, was aber zum einen eine Anleihe bei Spinal Tap ist und zum anderen getrost als persiflierende Übertreibung kategorisiert werden kann.]

Weiter im Text: „Die Post abgeh’n“ war im damaligen Sprachgebrauch eine wohl übliche Formulierung innerhalb der Jugendsprache für ungewöhnliche und emotional stark mitreißende Erlebnisse. Diese Möglichkeit eines wie auch immer gearteten Exzesses wird hier noch gesteigert durch die Verwendung des Adjektivs „tierisch“, was aber nicht im Sinne von animalisch zu verstehen ist, sondern nur verstärkend wirken soll und damit als stilistisches Mittel zur Emphase eingeordnet werden kann. Oft wurde gerade diese Zeile vor dem Hintergrund des zu Anfang der 80er Jahre noch genutzten Postverkehrs mit dafür ausgebildeten Brieftauben missverstanden, diese irrige Annahme in Teilen der Schriftlehre wurde aber zu Anfang des letzten Jahrzehnts im vergangenen Jahrhundert grundlegend ausgeräumt. Hinreichende Klarheit bestand seit jeher bei der Frage, was mit dem Anzählen, anfänglich unter Auslassen der 1 (im weiteren Verlauf des Liedes wird die 1 dann hinzugenommen), bis zur Ziffer 4 gemeint war; selbstredend geht es hier um den sog. Bandleader oder ein diese Funktion ggf. zeitweise ausfüllendes anderes Mitglied der Musikgruppe, die mit der rhythmischen Zählweise den Anfang und den Takt des Liedes vorgibt. Gerade bei eher puristisch ausgeführten Stücken der Populärmusik reicht häufig die Zählung „(1) – 2 – 3 – 4“ (ausgesprochen „(Eins) – zwo – drei – vier“, im Englischen „(One) – two – three – four“) völlig aus, siehe etwa das Gesamtwerk der Ramones. Stichwort Sprachgebrauch: In ihrem Song „Klassenfahrt zum Titisee“ auf dem Album „Kamikaze“ (1983) prägten die „Crackers“ den Begriff der „Turnschuhgeneration“, laut Duden die „Generation von Jugendlichen (besonders der 80er Jahre), deren Unbekümmertheit in der Kleidung in der Bevorzugung von Turnschuhen als ständig getragenem Schuhwerk zum Ausdruck kommt.“ Köstlich. Nun zur ersten Strophe:

Er war noch ganz klein, da kam ein Engel heran,

der sagte „Phonhaus sei Dein Name, wenn Du bist ein Mann“.

Deine Flitzefinger, die spielen sehr schön,

doch am besten können sie lauter dreh´n.

Malolepssy spricht hier unmittelbar das Subjekt des Songs an, den Gitarristen der „Crackers“, Stephan Ohnhaus. Die Kombination aus „Phon“ und dem Nachnamen des Bandkollegen Ohnhaus symbolisiert den starken Bezug zur Lautstärke; bis heute ist in der Forschung umstritten, ob diese Neigung zum „lauter dreh´n“ nur auf den besagten Stephan Ohnhaus – dessen Umschreibung als „schnellster Bierdosenaufreißer von Biebrich-Nord“ auf dem Plattensleeve der Original-LP für zusätzliche Verwirrung sorgte – zutraf oder die gesamte Band betraf; dies kann hier jedoch dahinstehen, da neben die reine Schallgewalt die ausgesprochene Virtuosität des Interpreten („Flitzefinger“, „spielen sehr schön“) hinzutritt und somit die aufkommende brachiale Anmutung der reinen Fixierung auf Dezibelzahlen gebrochen wird.

Die Frage nach dem göttlichen Ursprung der Virtuosität und des Lautermachens wird gerade heute kontrovers diskutiert, für die weitreichenden theologischen, interreligiösen und politischen Implikationen ist hier aber nicht der richtige Ort, zumal in der auf die zweite Wiederholung des oben bereits analysierten Refrains eine weitere Strophe brisanten Inhalts folgt:

Als die da oben hörten, was da abging,

schickten sie den Flattermann grad wieder hin.

„Bring‘ das wieder in Ordnung“ sagten sie ihm nett,

sonst nehmen wir Dir den Flugschein weg.

Der offene Bruch mit herkömmlichen textlichen Umschreibungen christlich geprägter Inhalte im harmlos daherkommenden Gewand eines klassisch aufgebauten Rockliedchens (zur Verwendung des Begriffs „Liedchen“ in anderen Werken der Crackers siehe „Hätte ich einen Hammer„) wirft grundlegende Fragen auf: Wird hier durch die saloppe Formulierung – geflügelte Boten des Herrn werden gewöhnlich nicht als „Flattermann“ betitelt“ –  die Rebellion, die Auflehnung gegen starre Formen, strenge Hierarchien und eine bestehende Ordnung in „Oben“ und „Unten“, ohne jedoch deren Existenz grundsätzlich in Frage zu stellen, signalisiert? Wo positioniert sich der Verfasser, wenn er den Umstand, dass nicht toleriertes Verhalten – hier: ein Unterlassen des „In-Ordnung-Bringens“ – in geradezu verwaltungsrechtlich daherkommenden Sanktionen – dem Entzug der Flugerlaubnis – mündet bzw. mit entsprechender Bestrafung gedroht wird, zwar beschreibt, sich aber jeden Kommentars enthält? Zumal es in der musikalischen Überbrückung vor den abschließend wiederholten Chorus-Passagen nicht bei der Androhung bleibt, sondern eine Bestrafung tatsächlich erfolgt:

Wie immer hört der Mensch nie auf die Stimme des Herrn.

Und Phoni sprach zum Engel „Ich phön aber gern“.

Darauf sagte dieser nur:

„Mach was Du willst, doch zur Strafe nur in A-Dur.“

Wo steht der Verfasser hier? Wie soll man verstehen, dass besungener Phonhaus die ihm von einem Engel verliehenen Fähigkeiten nutzt und dafür bestraft wird? Ist das laute Spielen damit angemessen sanktioniert, dass es in A-Dur erfolgt? Warum ist A-Dur eine Strafe? Und durfte der Engel, der einerseits nur vage Anweisungen für sein erneutes Aufsuchen des Stephan Ohnhaus erhalten hatte, andererseits aber wohl nicht mit hinreichenden Bestrafungskompetenzen versehen war, eine derartige Maßnahme überhaupt beschließen und verkünden?

Diese offenen Fragen sind, das kann hier vorweggenommen werden, bis heute unbeantwortet geblieben, die Quellen lassen keine eindeutigen Rückschlüsse zu und die Forschung hat keine befriedigenden Antworten gefunden. Um den aufkommenden Spekulationen in der großen Fachschaft crackerphiler Hermeneutiker entgegenzuwirken, bräuchte es heute wohl dringender denn je eine öffentliche Veranstaltung, in der die Urheber dieses Frühwerks Inhalt, Anlass und Wirkung aus heutiger Sicht beleuchten und diskutieren. Nachhaltig und unmissverständlich wird folglich an dieser Stelle eine solche Gelegenheit zum Austausch gefordert, insbesondere in Anbetracht der Tatsache, dass am gestrigen 1.4.2018 eine für den 1.9.2018 angesetzte Diskussionsrunde zuerst angesetzt und dann zur großen Enttäuschung einer teilnahmewilligen Vielzahl an Hermeneutikerinnen und Hermeneutikern wieder abgesagt wurde. Nur eine Tagesspanne lang betriebene Privatempirie hat erwiesen, dass der Ruf nach einem publikumswirksamen Vortrag der „Crackers“ nicht nur ungebrochen ist, sondern zunehmend lauter wird. Kleingeistige Stimmen mögen anmerken, der öffentlich geäußerte Bedarf nach einem Auftritt einer band, die vor rund sechs Jahren ihr letztes Konzert gab, sei rückwartsgewandt, insbesondere mit Blick auf sich zunehmend und immer schneller wandelnde Verhältnisse. Diesen Umstand stellt der Verfasser nicht in Abrede, ganz im Gegenteil: Natürlich geht es hier auch um Nostalgie, um das Gefühl, jung geblieben und damit nicht allein zu sein. Aber Dinge, die wahr und richtig waren, müssen auch heute noch ausgesprochen werden können, auch wenn sich die Umstände geändert haben (man denke nur an die Währung, mit der im Song Pornokino in der Peep Show nebenan bezahlt wird; in der Zwischenzeit haben das Movie 5 und 6 in Wiesbaden übrigens geschlossen). Der Sache wegen kann es hier jedoch nicht darum gehen, der „Dialektik der Traditionalität“ auszuweichen. Ganz im Gegenteil: Die Botschaft muss unmissverständlich heißen „Crackers-Konzert – JETZT!“.

[Unbedingte Hörempfehlung: Die noch weitgehend zu Unrecht unbekannte britische Coverband „The Rolling Stones“ hat einen Klassiker der Crackers neu interpretiert; die als Honky Tonk Woman veröffentlichte Fassung des Originals Ich kann doch nicht schwimmen ist hörens- und entdeckenswert.]

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