Woche 1: U2, New Year´s Day

Bono schreibt einen Song und hebt damit das Kriegsrecht auf. Gute Vorsätze kann man an allen Tagen des Jahres fassen. Zum Sampling kommen wir später.

All is quiet on new year´s day

Wer am 1. 1. morgens um 10 schon unterwegs ist, weil die Kinder früh wach waren, der weiß, dass an „All is quiet“ sehr viel dran ist. Es ist am Neujahrsmorgen seeehr still in den Straßen der Stadt. Und farbenfroh: Zahllose bunte Häufchen von Abfällen zeugen vom Brillantfeuerwerk der Nacht, erzählen die Geschichten von Feinstaub, Hunderten von Feuerwehreinsätzen und Balkonbränden. Partyhütchen, Whiskyflaschen und Nasenspray (?) liegen am Wegesrand, Relikte der zwingend besten Party des Jahres. Silvester muss im Wortsinn gleich mehrfach knallen, sonst liegt man am ersten Tag des Jahres nicht bis mittags im Salz und führt sich deutlich vor Augen, dass das Neue Jahr auch nicht viel besser wird als das alte, schon wegen der Kopfschmerzen. Wenn die erste, blütenweiße Seite eines Jahrbuchs schon mal Flecken verschiedenen Ursprungs bekommt, muss man insgesamt nicht mehr ganz so pfleglich damit umgehen; man kennt das von neuen Turnschuhen.

Nothing changes on new year´s day

Warum sollte auch der erste Tag eines Jahres, in diesem Jahr auch noch ein Montag, irgendetwas anders sein als am Freitag davor oder am Montag vor einer Woche oder an irgendeinem anderen Montag? Von sich aus ändert das Datum erstmal nichts. Der 1. Januar füllt nach allgemeinen wissenschaftlichen Erkenntnissen keine im Laufe eines ganzen Jahres geleerten Energiespeicher von sich aus wieder auf; ob jeder „mit neuer Kraft“ in ein neues Jahr geht, sei mal dahingestellt. Der 1. Januar setzt auch keine persönlichen Zähler auf Null, wir sind ja nicht bei der Steuer oder bei Unternehmen mit einem fiskalischen Jahr von Januar bis Dezember. Wenn Du am 31. 12. eine Erkältung hast, ist es sehr wahrscheinlich, dass Du am 1. 1. hustest oder schniefst. Auch da hatter recht, der Bono.

And we can break through
Though torn in two
We can be one

Jetzt kommen die Textstellen, bei denen mir der Abgleich mit der Wirklichkeit ein bisschen schwerer fällt. Was meint der Künstler mit „And we can break through, though torn in two, we can be one“? Kommt jetzt der Teil, in dem der Song bedeutungsschwer mäandert zwischen einem Liebeslied (Bono hatte die „persönlichen Elemente“ von „New Year´s Day“ ursprünglich für seine Jugendliebe Ali, die er kurz vor Erscheinen der Platte heiratete, geschrieben) und einem ein bisschen verquasten Politsong zur polnischen Freiheitsbewegung inklusive Solidarnosc und Lech Walesa? Der Legende nach soll die damalige polnische Militärführung unter Wojciech Jaruzelski während der Aufnahmen zu „New Year´s Day“ die Aufhebung des Kriegsrechts in der Volksrepublik Polen am Neujahrstag 1983 angekündigt haben. Tatsächlich hob die Regierung das Kriegsrecht am 22. Juli 1983 offiziell auf. Inhaltlich lässt sich da auch nicht viel zu sagen (außer „The newspaper say it´s true“ und das stimmt ja auf jeden Fall) und wenn man sich das Video zu „New Year´s Day“ anschaut, wird´s auch nicht besser: Schwedischer Schnee und norwegische Berge (oder umgekehrt), unterlegt mit Aufnahmen der Roten Armee bei irgendeinem Wintervormarsch, dann alle vier Bandmitglieder bei sichtbar extrem kalten Außenaufnahmen und vorneweg noch vier Reiter im Winterwald, die wohl auch U2 sein sollen, die aber tatsächlich von vier maskierten weiblichen Teenagern gespielt wurden… Wem dazu was einfällt, kann das gern in den Kommentaren hinterlassen, ich bin da etwas ratlos. Auch, dass der Song auf der ganzen Welt in Kneipen und Bars gespielt wird, sobald die Menge von der Silvesterknallerei – die inzwischen gefühlt von 22:30 bis 2:14 geht, aber das ist ein anderes Thema – wieder nach drinnen kommt und dann „All is quiet on new year´s day“ singt, da stimmt doch was nicht.

I will begin again

Jetzt doch, ganz am Schluss? Was denn nun, Bono? Von mir aus dann doch ein Neubeginn am 1. Januar und auf ein gutes Neues Jahr. Gute Vorsätze kann man ja jeden Tag, jede Woche und jeden Monat fassen und dann wieder fallenlassen, also warum nicht auch an diesem? Ich fange jetzt jedenfalls mit dem Musik-Bloggen (wieder*) an. Freut Euch auf mehrere, wenn nicht sogar unzählige Beiträge über Songs, Texte, die Künstler dahinter und das, was ich dazu sagen will! Wenn jemand, der das hier liest, unbedingt mal meine Ausführungen zu einem bestimmten Song hören will, bitte kurze Nachricht, das hatten wir bisher noch nicht. Schreibt es in die Kommentare, wenn ich mir Euren Lieblingssong mal vornehmen soll. Mal schauen, was 2018 so bringt.

Link zu „New Year´s Day“ bei Spotify

[Unbedingte Musikempfehlung: Fade to black von Apoptygma Berzerk. Die Jungs verknüpfen den Metallica-Song mit dem Sample (zum Sampling kommen wir irgendwann vielleicht mal separat) des Piano-Intro von „New Year´s Day“. Hört Euch das verblüffende Ergebnis mal an. Und wer geahnt hat, dass am Ende eines Beitrags über U2 als Hörempfehlung ein Metallica-EBM-Cover von einem norwegischen Musikprojekt kommt, der sollte sich 2018 mal mit Wetten, Lottozahlen und sonstigen Prognosen befassen.]

*Mehr Einfälle zu Songs findet der geneigte Leser auf der Website von diephotographin.

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