Woche 11: Willy Astor, Donnersberger Brück‘n

[Bavarian Edition] Urlaub im heilklimatischen Luftkurort. Kleiner Ausflug in die (Bau-)Historie. Ein Lied für einen Fußballverein.

Wenn jetzt nicht grad Pandemie wäre, wären wir im Skiurlaub. Aber, um es mit den Worten des großen Dichters Lothar Matthäus zu sagen: „Wäre, wäre, Fahrradkette“ – wir sind nicht im Urlaub und „Skiurlaub“ kann man diese schul- und arbeitsfreie Zeit im Januar schon seit einiger Zeit nicht nennen, zum einen, weil man die Abfahrtsski-Gegner nicht gleich zu Anfang eines Jahres und Textes verärgern möchte, zum anderen, weil klimatische Veränderungen schon seit mindestens zwei Jahren das Skifahren verunmöglicht haben: Entweder es war gar kein Schnee da oder es war so viel, dass die Bundeswehr und das Technische Hilfswerk die Dächer, die unter der Last des Schnees zusammenzubrechen drohten, freischaufeln musste. Deswegen lasst uns von einem Winterurlaub in einem heilklimatischen Luftkurort in den oberbayrischen Alpen sprechen. Das klingt zugegebenermaßen ein bisschen nach Tourismuswerbung für das fortgeschrittene Alterssegment, aber zum einen sind wir nicht mehr die Jüngsten und zum anderen stimmt das ja gar nicht. Das „Bergdorf“ (O-Ton Website) bietet auch jenseits von Ski und Rodel für Familien im Sommer und im Winter und dann auch noch im Frühjahr und im Herbst so viel mehr. Unter anderem eine weitgehend störungsfrei funktionierende Schienennetzverbindung nach München. Und wenn man mit der BOB (also mit der Bayerische Oberlandbahn, die jetzt Bayerische Regiobahn – BRB – heißt und damit ein wenig nach einer Insel vor Kroatien klingt) nach München fährt, dann sieht man sie:

Donnersberger Brück’n – Du greislig krummer Hund.
Du Golden Gate für Arme, Du bist ned schee, na und?
Donnersberger Brück’n – Du machst Di ganz schee breit.
Du dreckat’s G’stell aus Stahlbeton, Du überbrückst die Zeit.

Die Donnersbergerbrücke. Benannt nach Joachim von Donnersberg, einem Münchner Patrizier und späteren Freiherrn mit Besitztümern in den Hofmarken Igling und Erpfting. Im Ernst, die Hormarken heißen so: Igling und Erpfting. Das kannst Du Dir nicht ausdenken. Wenn ich lautmalerisch etwas besonders Bayrisches darstellen wollte, „Igling und Erpfting“ wären meine Wahl, aber ich hätte dabei das ungute Gefühl, es mit dem Klischee etwas übertrieben zu haben. Jedenfalls war dieser Joachim von Donnersberg der Namensgeber der Brücke, Igling bildet heute zusammen mit Hurlach (noch so eine hübsche Lautmalerei) und Obermeitingen die Verwaltungsgemeinschaft Igling und Erpfting ist ein Stadtteil von Landsberg am Lech.

Weiter geht es im Ringelreihen atemberaubender Informationen rund um die Donnersbergerbrücke: Die Arbeiten an den Spannbetonträgern des Neubaus mussten vor allem nachts stattfinden, weil dann die Oberleitungen des Münchner Hauptbahnhofs abgestellt werden konnten. Ver-rückt, oder? Aber auch so einleuchtend. Es erscheint mir jedenfalls so und ich kenne mich wirklich nicht mit der Materie aus. Man befasst sich ja viel zu wenig mit der Bauhistorie moderner Verkehrsanlagen, dabei ist das ein wirklich spannendes Feld. Stichwort Historie: Wenn man sich überlegt, dass die Donnersbergerbrücke in ihrer jetzigen Form 1972 rechtzeitig zu den Olympischen Spielen in München fertiggestellt wurde, dann wird einem erst klar, dass sie nächstes Jahr auch schon 50 wird. Es ist wirklich wahr, sie „überbrückt die Zeit“.

Donnersberger Brück’n – pfeifst aus’m letzten Loch.
Du Golden Gate für Arme, Du bist ned schee & doch:
Donnersberger Brück’n – I fahr auf Dir ab.
Debakel im Berufsverkehr, Stop & Go & Stop.

Mit der ersten Zeile greift der Künstler satirisch den fortwährenden Sanierungsbedarf des in die Jahre gekommenen Bauwerks auf. Mit seiner Einschätzung als „Golden Gate für Arme“ geht Astor aber doch etwas zu weit, handelt es sich doch bei der Donnersbergerbrücke um die meist befahrene Brücke Europas. Bei der Verkehrslast muss sich die Hängebrücke an der Bucht von San Francisco mal schön hinten anstellen: Von den schlappen 120.000 Fahrzeugen, die täglich über die Golden Gate Bridge fahren, träumen die Münchner Anwohner:innen – auf der Donnersbergerbrücke sind es mehr als 160 000 Fahrzeuge pro Tag.

Oder wie die Süddeutsche schreibt: „Für Fußgänger der ungemütlichste Ort in München.“ Wer es trotzdem wagt, die Brücke zu Fuß zu überqueren, nimmt unvergessliche Bilder mit. Mir war dieses Erlebnis im Rahmen einer Solo-Expedition nach einem Wiesn-Besuch (*seufz*) 2019 vergönnt. Sollten in naher Zukunft wieder Lese- und Vortragsreisen möglich sein, werde ich hoffentlich an den großen Erfolg meiner Multimedia-Show „Die Brücke“ aus selbigem Jahr anschließen können, in der ich die damals entstandene Fülle an großformatigen Panoramafotos, mit verschiedenen Techniken hochauflösend angefertigten Bewegtbildaufnahmen und ausdrucksstarken Einzelaufnahmen dem geneigten Publikum darbiete.

[Eine kurze Anmerkung in eigener Sache: Den Hacke’schen Verhörern (bekannt aus „Der weiße Neger Wumbaba„, ein ganz wundervolles Buch, das in seiner Hörbuchfassung gelesen vom Autor noch besser ist) kann ich meinen eigenen hinzufügen. Bisher hatte ich am Ende des Refrains immer gehört „Die Backel im Berufsverkehr“ und mir gedacht, dass „Backel“ eine dieser freundlichen und nie böse gemeinten Beleidigungen im Bayrischen ist, die man häufig hört, aber eben nicht ganz versteht. Sowas wie „Zipfeklatscha“ oder „Bierdimpfe“. Für mich waren „die Backel“ die armen Gestalten, die sich in den Münchner Berufsverkehr begeben müssen, von der erhöhten Position des Betrachters von der Donnersbergerbrücke her betrachtet. Schade eigentlich, dass es hier nur um das „Debakel“ geht.]

Donnersberger Brück’n – I woaß ned, irgendwie
hob I vui Sympathie fuer Di. I glaub, I steh auf Dir.
Donnersberger Brück’n – I vergiss Di nie
und manchmoi spuit der Wind die Donnersberger Melodie.

Nach diesem letzten Refrain setzt ein wunderschönes Gitarren-Outro (das auch das Intro war, hört selbst) ein, gespielt vom Künstler selbst, der nicht nur ein begnadeter Gitarrist und origineller Wortspieler ist, sondern auch noch ein vielseitiger Komponist. Seinen „Kindischen Ozean“ und die Fortsetzung „Der Zoo ist kein logischer Garten“ kennen hoffentlich alle Eltern. Und dann gibt es da ja noch dieses kleine Liedchen, dass Willy Astor für den örtlichen Sportverein komponiert hat. In Zeiten, in denen das möglich war und wieder sein wird, singen die zwanzig, dreißig Fans, die zu den Heimspielen kommen, gern und lautstark mit. Das klingt zwar nicht schön, aber es ist mitreißend und ich selbst habe mich schon dabei ertappt, wie ich mitgewippt habe. Die „Hymne“ hat eine sehr schöne Melodie; textlich finde ich sie nicht ganz so gelungen, vor allem, weil nirgendwo erklärt wird, wieso der Verein der „Stern des Südens“ sein soll. Ich mag auch deshalb die instrumentale Variante deutlich lieber. Alles Wissenswerte dazu, wie Willy Astor den Song geschrieben hat und wie er inzwischen dazu steht, hat er schon in einem Interview in der Süddeutschen erklärt. Bitte lest dieses Interview bis zum letzten Satz, der leuchtet tatsächlich wie ein kleiner Stern…

Unbedingte Hörempfehlung: Weltweit gibt es im internationalen Fußball nur eine Hymne – „You´ll never walk alone„. Letzten Sonntag ist Gerry Marsden, der Gerry aus Gerry and the Pacemakers gestorben.

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