Woche 9: Colin Hay, Next Year People

Nächstes Jahr wird alles gut.  Hay ist Englisch für Heu. Von Ideen, die nicht großartig sind.

Nächstes Jahr wird alles gut. In den Tagen „zwischen den Jahren“ hört man diesen Satz auch nach einigermaßen okay verlaufenen zwölf Monaten schon häufig. In diesem Dezember 2020 nimmt das inflationäre Züge an. Andererseits kann man diesen Satz, der auch hier schon zweimal gefallen ist, gegenwärtig gar nicht oft genug hören. Und selten war die Erfüllung des dahinterstehenden Wunsches wahrscheinlicher als für das Jahr nach 2020, auch wenn sicher nicht „alles gut“ wird.

Für mich der richtige Moment, das Schreiben über Songs, deren Texte und allem, was mir dazu einfällt, wieder aufzunehmen. Heute mit „Next Year People“ von Colin Hay, in dessen Refrain es heißt:

Next year everything will come good
The rains they will fall and we’ll dance on the hood
We’ll fill up our bellies with plentiful food
We’ll eat, drink and be merry
Yeah, next year people, wait and see
We’re next year people, you and me

„Next year everything will come good“, das ist eine gute Aussicht für das kommende Jahr. Auch das mit dem reichlichen Essen, mit dem wir unsere bellies füllen werden. Direkt nach Weihnachten ist das für den einen oder anderen möglicherweise nicht gerade verlockend, selbst schuld. Für mich hat sich der Fokus in dieser Zeile verschoben, weg von dem Essen auf das „Wir“. Auf jedes gemeinsame Essen, das wir „in echt“ jenseits der Kernfamilie zusammen haben können, freue ich mich: „We’ll eat, drink and be merry“. Sogar merrier als sonst, bloß weil „wir“ wieder zusammen sein können.

We’ve had dust storms before and spit out the dirt
We’ve had droughts before but none quite like this

Ursprünglich geht es in dem Text um Farmer in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts. Um die Farmer, die jedes Jahr im Wortsinne am Boden zerstört waren, weil nach einer Dürre die Ernte ausblieb, und die dennoch weitergemacht haben. Das war für Colin Hay der Anlass für das Lied, das Erstaunliche und gleichzeitig ein Teil der „human condition“: Die haben sich davon nicht unterkriegen lassen. Trotz fürchterlicher Umstände, er beschreibt das selbst sehr eindrücklich in einem Interview: „You know, people went mad in between, people died, people had got developed lung diseases from breathin in dust too much…“ Das Interview ist von 2015. Die Parallele zu heute ist unübersehbar.

We’ve had dust storms before and spit out the dirt
We’ve had droughts before but none quite like this

Hay ist Englisch für Heu. Dass Colin Hay ein Lied über Farmer und deren Ernte schreibt, ist ein ziemlich lahmer „name joke“, aber einer der vielen kleinen Zufälle, die ich irgendwie gut finde und weshalb ich schreibe. Es gibt immer irgendwas, was sich ergibt, wenn man sich mit Songs, den Texten, den Künstlern und dem Drumherum befasst. Nur diesen – manchmal versteckten – Parallelen ist es zuzuschreiben, dass in diesem kleinen Beitrag zeitgenössische und viel zu große Themen wie Dürren, Klimawandel, Pandemie und die conditio humana auftauchen. Aber manchmal ist es eben auch Zeit für sowas Großes.

Und im Gegensatz dazu auch für die Achtung vor etwas nicht ganz so Großem/Großartigem. In demselben Interview (das Ihr hier in voller Länge findet) ist diese eine Passage darüber, wie Songs entstehen und welche Ideen man als Künstler hat. Und in dem Zusammenhang fällt dieser eine Satz: „I‘m happy if I have ideas, I don‘t care if they‘re particularly grand.“ Über eine nicht großartige Idee froh sein, mit ihr behutsam umgehen und mit viel Arbeit und viel Liebe etwas daraus machen, was für ein großartiger Gedanke! Also einerseits nicht gleich in jedem Hirnfurz das „next big thing“ sehen und andererseits auch hin und wieder etwas unterhalb eines Meisterwerks gelten lassen und damit etwas anfangen und bis zur Fertigstellung (nicht: Vollendung) ausarbeiten. Nehme ich mit.

You can’t live without hope that things will change for the better
You can’t live without the dream of someone reading your letter

Achtung, Spoiler: Auch 2021 wird ganz sicher nicht alles gut werden. Aber die Zuversicht, dass es besser wird, ist da. Ob es ein „Traum“ ist, dass someone diesen meinen letter liest, weiß ich noch nicht genau, aber ich halte mich für jetzt an die Quintessenz aus Colin Hays Song: Weitermachen.

Und das hoffe ich für uns und für Euch alle: Dass wir weitermachen. Mit großen und kleinen Ideen, mit dem, was für und und für Euch und für jeden Einzelnen wirklich wichtig ist. Dabei haben wir ja alle begriffen, dass wir nicht so weitermachen können, wie bisher, aber darum geht es ja auch nicht. Sondern darum, dass wir uns nicht unterkriegen lassen. Wir sind alle „next year people“. In diesem Sinne: Ein gutes 2021!

Unbedingte Hörempfehlung: Colin Hay war vor seiner Solokarriere der Frontmann der australischen Band Men at Work. Jenseits von Down Under hat diese Band so viele tolle Songs, die Ihr unbedingt hören müsst, hier die direkten Links zu zweien davon: Who can it be now und People just love to play with words [sic!]. Und dann gibt es da noch eins, dazu müsste jemand mal einen ganzen Blogbeitrag schreiben…

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