Woche 7: Faith No More, Ashes to ashes

Ut omnes unum sint. Die empfangsbedürftige Willenserklärung. Über Toleranz zur Akkulturation.

„Ut omnes unum sint“, „Dass alle eins seien“ ist der Wahlspruch der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, er prangt über dem Eingang unter dem Turmbau der (ehemaligen) Flak-Kaserne, dem Durchgang zum Forum. Rechts unterhalb des Turmes war damals das Studentenbüro oder sowas, jedenfalls hatte ich mich dort einzuschreiben. Zu einem Wintersemester vor unerdenklich langer Zeit schritt ich also zum ersten Mal unter diesem Spruch hindurch auf den Campus meiner Alma mater. Von dessen Existenz und Bedeutung hatte ich allerdings damals noch nichts vernommen, so wie überhaupt meine Vorstellungen und Vorbereitungen auf das Studium aus heutiger Sicht euphemistisch mit „rudimentär“ beschrieben werden können. Laut Duden bedeutet das Adjektiv „rudimentär“ „unzureichend, unvollkommen“ oder „nur ansatzweise vorhanden“ und beschreibt sowohl konkrete wie abstrakte Dinge als unvollständig oder nicht ausreichend vorhanden beziehungsweise entwickelt. Jo. Mangelnde Vorbereitung macht der junge Mensch mit einem Übermaß an Selbstvertrauen und der Überzeugung, wer will, kann auch, locker wett.

I want them to know, it’s me
It’s on my head

Oder: Hoppla, hier komme ich! Mein in der Retrospektive womöglich etwas zu großzügiger Optimismus fußte im Wesentlichen auf dem Umstand, dass ich ein durchaus vorzeigbares Abitur im Bildungsschwellenland Hessen ohne allzu große Anstrengung vollbracht hatte und es im Prinzip ja so weitergehen könnte. Dazu war ich mit der Allgemeinen Hochschulreife in den Augen der Gesellschaft ja auch innerlich so weit gefestigt und eben gereift, dass ich mir meine Zeit und meine Inhalte frei einteilen konnte, um das anvisierte Ziel Staatsexamen in vertretbarer Zeit zu erreichen. O goldene Zeit der akademischen Freiheit!

I’ll point the finger at me
It’s on my head

Nochmal zum Zungeschnalzen: Ich war jung. Ich war schön. Und ich war frei (sieht man mal von dem Umstand ab, dass ich noch zuhause wohnte, aber dafür hatte ich einen knallroten R4). Meine intellektuelle Leistungsfähigkeit war grenzenlos und mein Musikgeschmack vollkommen. Was sollte da schon kommen?

Die intellektuelle Hybris zerbrach relativ zügig am Allgemeinen Teil des Bürgerlichen Gesetzbuches. Die Differenzierungen der Willenserklärung – einseitig, mehrseitig, empfangsbedürftig -, deren objektiver und subjektiver Tatbestand und ihrer Abgrenzung von der geschäftsähnlichen Handlung verschaffen dem überraschten Studiosus schnell einen zuverlässigen Ausblick auf das zu bewältigende Pensum und die dafür zur Verfügung stehenden Mittel. Mit etwas Erfahrung lässt sich dann genauso schnell das bestmögliche Verhältnis zwischen Aufwand und Ertrag abschätzen. In der Bewertung aus der ex post-Perspektive lässt sich der damalige Verzicht auf akademische Höchstleistungen zugunsten einschneidender Lebenserfahrung dann wieder rechtfertigen.

Der vollkommene Musikgeschmack seinerseits erfuhr eine zunächst unwillkommene Konfrontation mit völlig neuen Klängen. Es war die Zeit des – immer noch verachtenswerten und nur als zutiefst „guilty pleasure“ vertretbaren – Eurodance. Nummern wie „Rhythm is a dancer“, „What is love“ und „Mr. Vain“ sind nur alkoholisiert oder nostalgisch-gerührt überhaupt zu ertragen. Ich war noch mit den Spätausläufern meiner Doors-Faszination beschäftigt, daneben kamen höchstens „What´s up“ von den Four Non Blondes oder das Cover des Elvis-Klassikers „Can´t help falling in love“ von UB40 mal in den Kassettenspieler des Autoradios in meinem R4. Und Heavy Metal. Und natürlich immer Pink Floyd. Also alles in allem ein ziemlich kompletter Musikhorizont und daraus dann eben das Beste der 70er, 80er und von heute (was damals eben die 90er waren). Diese geschlossene Biosphäre wurde im universitären Umfeld dann auf einmal ganz neuen Einflüssen ausgesetzt. Rage against the machine. Pearl Jam. Und eben Faith No More.

Smiling with the mouth of the ocean
And I’ll wave to you with the arms of the mountain

Und so wie in den Vorlesungen zum BGB AT verstand ich – nichts. Gar nichts. Nicht die Musik, nicht die Texte. Wobei an den Texten auch nicht viel zu verstehen ist, entweder sie sind so glasklar wie „Killing in the name of“ (gegen Rassismus im amerikanischen Staatsapparat) oder so verquast wie „Epic“ von Faith No More auf „The real thing“ von 1990. Auf die Spitze treibt die Band es mit „Ashes to ashes„, von dem sogar Mike Patton (Texter und Sänger von FNM) sagt, er stehe mehr so auf den Klang der Worte im Text als auf deren Inhalt. Danke, dann weiß ich ja jetzt Bescheid. Wie in aller Welt soll man auch „mit dem Mund des Ozeans lächeln“? [Fun fact: Bis vorhin dachte ich tatsächlich, es heißt „Smiling with the mouth to the ashes“, was es auch nicht verständlicher macht, aber so kommt „ashes“ wenigstens vor und der Titel würde Sinn machen. Macht er aber auch nicht.] Oder eben mit dem Arm des Berges winken. Wtf?

Give the same to me, then I’ll be closer

Frei übersetzt: Gib mir mehr davon, dann komme ich dem Ganzen näher. So war es dann auch. Nachdem der komplette Musikgeschmack auf so viel Neues erstmal mit (verständlicher) Ablehnung reagierte, führte eine permanente Steigerung der Dosis (Muschel-Feten, sonstige Parties, Skitouren, etc.) erst zur Toleranz und dann über die Akzeptanz hin zur Akkulturation, hier zu verstehen als die Übernahme von Elementen einer fremden Kultur durch den Einzelnen; kultureller Anpassungsprozess (sagt der Duden). Von den sechs Studioalben von Faith No More habe ich 2/3 als Compact Disc – die Älteren kennen den Datenträger noch, das war der Vorgänger der hippen LP – erworben und sie immer wieder während meines Studiums und nach dessen Abschluss so in etwa in Regelstudienzeit auch noch darüber hinaus gerne gehört. Genauso wie Pearl Jam und all die anderen. Ende gut, alles gut.

[Unbedingte Hörempfehlung: Wem die Wahl des Zeitpunkts für die Besprechung des Titels „Ashes to ashes“ (heute, am 14.02.2018, ist nicht nur Valentinstag, sondern auch Aschermittwoch) zu subtil war, weil sie oder er die letzten Tage mit Dauersaufen (ich glaub‘, hier ist doch wieder Alkohol im Spiel) und den Händen zum Himmel in Richtung eines Sterns, der Deinen Namen trägt, atemlos mit Oh là là Larissa verbracht hat, dem kann nur das brachiale Asche zu Asche helfen.

Related posts

Leave a Comment