Woche 6: Ernst Neger, Heile heile Gänsje

Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht. Besser spät als nie. Vom Lachen und vom Weinen.

Ach, schee war’s widder: Freitag nach Altweiberfassenacht „live aus dem Kurfürstlichen Schloss“ und dann der Narhallamarsch, die Marketenderinnen, die Kadettscher und die Garden auf der großen Bühne, der Elferrat, die launige Einleitung des Sitzungspräsidenten, Tusch, die Bütt wird aufgebaut und alles geht seinen Lauf wie schon seit so langem.

Heile, heile Gänsje, es is bald widder gut. Es Kätzje hot e Schwänzje, es is bald wieder gut.
Heile, heile Mausespeck, in hunnert Jahr ist alles weg!

In der Mainzer Fastnacht geht es um Tradition, die „hunnert Jahr“ sind da ein überschaubarer Zeitraum. Das Lied „Heile heile Gänse“ gibt es wirklich fast schon so lange, es wurde 1929 von Martin Mund aus einem alten Kinderreim gedichtet. Da war sein berühmtester Interpret Ernst Neger zwanzig und vielleicht noch in der Dachdeckerausbildung. Erst Jahre später fanden Interpret und Lied zueinander; Ernst Neger trug das Heile heile Gänse 1952 in der Fassenacht vor und wurde damit zur Legende – auch, weil ihn das neue Medium Fernsehen entdeckte: Seit 1955 übertrug der damalige Südwestfunk die Gemeinschaftssitzung des Mainzer Carnival-Vereins (MCV) und des Mainzer Karneval Clubs (MCC) unter dem Motto „Mainz wie es singt und lacht“. Ernst Neger war der große Star der frühen Fernsehfassenacht. Sein Auftritt am 5. Februar 1964 ist in mehrerer Hinsicht denkwürdig: Es war die Uraufführung des Humba Täterä, die vorgesehene Sendedauer wurde um eine ganze Stunde überzogen, weil das Publikum im Saal sich nicht mehr einkriegte, und das Ganze hatte dann auch noch mit 89% die höchste jemals gemessene Einschaltquote im deutschen Fernsehen.

Bei all den kleinen Kinderlein gibt´s manchen großen Schmerz.

Solche Quoten wünschten sich auch noch andere Fernsehmacher und so kam es zu einer merkwürdigen Dopplung von Mainzer Fernsehsitzungen zwischen 1965 und 1972. Das kesse, frische Zweite Deutsche Fernsehen, erst seit 1963 auf Sendung, hatte das Erfolgsformat kopiert und machte dem Südwestfunk arge Konkurrenz mit „Mainz bleibt Mainz“. Die Sendeanstalten einigten sich 1972, seit 1973 und damit seit fünfundvierzig Jahren teilen sich der SWR und das ZDF die Übertragung der schönsten Fernsehsitzung der Welt mit dem salomonischen Titel „Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht“, der gemeinsamen Fassenachtssitzung vom Mainzer Carneval-Verein (MCV), dem Mainzer Carneval Club (MCC), dem Gonsenheimer Carneval-Verein (GCV) und dem Karneval-Club Kastel (KCK), aus dem Großen Saal des Mainzer Schlosses. Geändert hat sich seitdem nicht viel…

Dann singt die Mutter angst und bang das Lied, das sie dem Kind einst sang.

Die Mutter singt und die Großmutter hat es auch schon gesungen. Und sie sah dabei ein bisschen so aus wie Margit Sponheimer… Es Margitsche. Seit letztem Mittwoch rüstige 75 Jahre alt –  und Mainzer Ehrenbürgerin, als „Botschafterin der Mainzer Lebensfreude“ und wegen ihrer Verdienste um die Stadt Mainz in den Bereichen Telekommunikation (Wähle 06131), Datenschutz (Am Rosenmontag bin ich geboren) und Germanistik (Gell, Du hast mich gelle gern). Seit 1831 hat die Stadt Mainz übrigens die Ehrenbürgerwürde 49 Mal vergeben, in einem Fall aber wieder zurückgenommen: 1933 wurde Adolf Hitler zum Mainzer Ehrenbürger, diese bedauerliche Fehleinschätzung der „Verdienste um Mainz“ wurde aber schon 2002 [sic!] wieder korrigiert. Schon viel früher, nämlich bei dem oben erwähnten Vortrag des Heile heile Gänsjes 1952, hatte die Fassenacht reagiert und dem Lied eine Strophe hinzugefügt, die bis in die späten Auftritte von Ernst Neger das Mainzer Publikum zu Tränen rührte:

Wär ich einmal der Herrgott heut, dann wüßte ich nur eens:
Ich nähm‘ in meine Arme weit mein arm‘, zertrümmert Meenz
Und streichelte es sanft und lind und sagt: „Hab nur Geduld.
Ich bau dich wieder auf geschwind, Du warst ja gar nicht schuld.
Ich mach‘ Dich wieder wunderschön, Du kannst, Du darfst nicht untergeh’n.

Was diese Strophe für die Mainzer, die zwischen 1942 und dem letzten schweren Luftangriff am 27. Februar 1945 über 80% ihrer Stadt verloren, bedeutet haben muss, lässt sich heute nicht mehr ermessen. Aber selbst aus der zeitlichen Distanz treibt es einem das Wasser in die Augen, wenn man die Bilder des alten Kurfürstlichen, „Goldenen“ Mainz sieht. Und es erklärt, weshalb sich der Obermessdiener vom Hohen Dom zu Mainz, Büttenredner und Sitzungspräsident Andreas Schmitt über das „historische Antlitz“, das Mainz zurückgegeben werden soll, bei der Fernsehsitzung im Jahre des Herrn 2018 so in Rage reden kann. Und warum es Margitsche als Zugabe am Freitagabend vom Meenzer Mädche singt, das im Nachtgebet den Herrgott bittet:

Und ganz zum Schluss bitt‘ ich Dich noch um eens:
Schütz‘ unsere Heimat, beschütz moi Meenz.

Da wurde es im Großen Saal des Kurfürstlichen Schlosses und zuhause vor den Bildschirmen andächtig. Das gehört zur Mainzer Fassenacht dazu – da wird, wo gelacht wird, auch mal geweint. Denn:

Das Leben ist kein Tanzlokal, das Leben ist sehr ernst.
Es bringt so manche Herzensqual, wenn du es kennen lernst.
Doch brich nicht unter seiner Last, sonst wärest du ein Tor,
Und trag was du zu tragen hast, geduldig mit Humor.

In seinem Vortrag auf Meenzerisch klingt die letzte Zeile bei Ernst Neger immer wie „geduldisch mit Humo-er“, das nimmt dem Ganzen ein wenig die Schwere. Bei seinen Auftritten war das die Zugabe, dann kam nur noch der Tusch und der Narhallamarsch zum Auszug. Später kam alles ganz anders, wie bei seinem letzten Auftritt bei „Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht“ im Jahre 1979, da sah die Dramaturgie das Heile Gänsje vor dem Humba Tätärä und dem abschließenden Rucki Zucki. Das waren dann, auch in den Zeitläuften der Mainzer Fastnacht, doch schon andere Zeiten.

Und denk‘ Dein ganzes Leben lang, an’s Lied, das Dir die Mutter sang:
Heile, heile Gänsje, es is bald widder gut. Es Kätzje hot e Schwänzje, es is bald wieder gut.
Heile, heile Mausespeck, in hunnert Jahr ist alles weg!

[Unbedingte Hörempfehlung: In der Fassenacht wird die Stadt immer wieder besungen, mal besinnlich, mal beschwingt, mal originell, mal weniger. Für die Zeiten außerhalb der Kampagne gibt es keine schönere musikalische Hommage an meine Geburtsstadt Mainz als Mainz von Lars Reichow. Mit einer kleinen Hommage an den singenden Dachdeckermeister Ernst Neger]

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