Woche 4: The Sisters of Mercy, Under the gun

Geborgte Namen, wo man hinschaut. Ein Drumcomputer ist auch nur ein Mensch. Trockeneis ist festes Kohlenstoffdioxid.

Vier Menschen auf zwei Pferden reiten durch eine Neuansiedlung im  Wilden Westen. Der dichte Baumbestand, der malerische Sonnenuntergang und das sprudelnde Wasser im Gegenlicht sind die eine Seite, die Knochenarbeit, mit der der Mensch sich jede Parzelle, jeden Quadratmeter von der Natur erkämpfen, ertrotzen, erarbeiten muss, die andere. Die Härte der Lebensumstände wird eindrücklich, als sich die sanfte Stimme Leonard Cohens sphärisch über der Szenerie legt:

Oh The Sisters of Mercy, they are not departed or gone.

Als Andrew Taylor und Mark Pearman die Szene in Robert Altmans Anti-Western „McCabe und Mrs. Miller“ von 1971 sehen, finden sie den Namen für ihr Bandprojekt: The Sisters of Mercy. Ob sie dabei die Ordensgemeinschaft der Barmherzigen Schwestern oder die umgangssprachlichen „barmherzigen Schwestern“ aus dem „horizontalen Gewerbe“ vor Augen hatten, wurde nie aufgeklärt und kann hier dahinstehen. Für ihre eigenen Namen hatten sie offenbar bereits anderweitige Inspiration gefunden:  Mark Pearman nennt sich Gary Marx und aus Andrew Taylor war schon früher Andrew Eldritch geworden. Ob „Das Kapital“ eine Rolle gespielt hat, ist in der Forschung umstritten; fest steht jedoch ein enger Zusammenhag zwischen Taylor Wahl und der Lektüre des Science-Fiction-Romans von Philip K. Dick „Die drei Stigmata des Palmer Eldritch“. Das englische „eldritch“ bedeutet sinngemäß übersetzt so etwas wie „schauerlich, unheimlich“ und das erklärt so einiges, genauso wie der Umstand, dass das Buch in Deutschland auch unter dem Titel „LSD-Astronauten“ verlegt wurde.

Explosive bolts, 10.000 volts at a million miles an hour

Na klar, Andrew. Anyway, das war die Geburtsstunde der legendären The Sisters of Mercy. Mit ihrem ganz eigenen Sound und Cover-Versionen von Dolly Partons „Jolene“ oder „Teachers“ von Leonard Cohen (vermutlich als Reverenz an den Namensgeber) veröffentlichen sie ihre ersten Alben, kommen ins Radio und werden groß. Ganz groß. Keine Frage, wer kennt die Sisters nicht? Schon, oder? The Sister of Mercy? Ganz große Band. Hätte ich angenommen. Bis mir aufgefallen ist, dass ich keine zwei zusammenhängende Sätze über die Sisters sagen konnte.

Wer waren die Sisters, wer sind sie heute? Was ist geblieben von einer Band, deren drittes und letztes Studioalbum Anfang der 90er auf Nummer 9 in den UK Charts stand? Die als Begründer des Gothic Rock gelten und sich bis heute dagegen wehren, genauso wie gegen die unzähligen Bootlegs, die von sehr frühen Konzerten noch im Umlauf sind? Die seit Beginn ihrer Existenz in so vielen verschiedenen Zusammensetzungen auf der Bühne stand, dass als einzige Konstante bis heute eben jener Andrew Eldritch und ein Drumcomputer gelten?

Do you feel your head is full of thunder, questions never end?

Endlose Fragen. Die erste gleich zu Anfang: Ein Drumcomputer? Jawohl. Mit dem klingenden Namen Doktor Avalanche. Der ist zwar auch nicht mehr derselbe, aber wenigstens hat er sich mit Andrew Eldritch nicht so gestritten wie der Rest der Musikszene und deshalb wird er in der Besetzungsübersicht als permanentes Mitglied aufgeführt. Inzwischen ist er so weit, technisch und vom Standing in der Band her, dass er die Zuschriften der Fans in seiner eigenen Kolumne beantwortet. Das ein bisschen Traurige daran: Er ist der Einzige neben Andrew Eldritch, der noch übrig ist, und zwar nicht nur von der Urbesetzung, sondern überhaupt von irgendeiner Besetzung. Oder andersrum: Die Sisters sind heute nur mehr das künstlerische Vehikel von Andrew Eldritch und er hat seinen Drumcomputer immer dabei.

Nine Nine Nine, Singer down

Wenn es soweit kommt, ist Doktor Avalanche ganz allein. Die nächste Frage: Was singt der da eigentlich? „Singer down“ könnte bedeuten, dass Andrew Eldritch down ist; das wiederum wäre kein ganz neues Phänomen. Wenn man sich das erste Studioalbum „First and last and always“ anhört, gibt es da schon ganze Text- und Liedpassagen, die sich nicht uneingeschränkt lebensbejahend anhören:

See a body and a dream of the dead days

Der namensgebende Song „First and last and always“ ist zum Glück so ungefähr in der Mitte der Platte, im Verlauf wird es stimmungsmäßig nämlich nicht besser. Für laut.de ist es trotzdem oder gerade deswegen „ein Meilenstein des Indie-Rock“, bloß dass sich das mit dem Indie nach dem zweiten Longplayer schon wieder hat: Mit Floodland sind die Sisters kommerziell erfolgreich und rutschen damit aus der Kategorie. Produzent des Albums ist u.a. Jim Steinman, der ansonsten für seine Arbeit mit Indie-Ikonen wie Meat Loaf und Bonnie Tyler bekannt ist. Das mag überraschend sein, aber wer genau hinhört, bemerkt die Parallelen zwischen 1959 und Total eclipse of the heart. Unverkennbar.

Corrosive heart and frozen heat, we’re worlds apart where we could meet

Noch eine Parallele zwischen Bonnie Tyler und den Sisters: Der unverhältnismäßige Gebrauch von Trockeneis in ihren Musikvideos und bei Liveauftritten. Die absolviert Eldritch mit mäßigem Engagement, eher genuschelten Interpretationen seiner Kompositionen und mit wechselnder Betreuung für Doktor Avalanche. Irgendwie hält er sich aber immer noch, getreu der Vorgabe von Leonard Cohen, nach der die Sisters eben nicht „departed or gone“ sind. Genausowenig wie die Gerüchte um ein viertes Studioalbum; fanseitig – denn es gibt sie noch, die Treuen, Unverdrossenen – nimmt das Verlangen danach und damit der Druck nicht ab. „Unter Druck“ ist übrigens eine der möglichen Übersetzungen für „Under the gun“.

I’ve been under the gun, I’ve lost and I’ve …

Und damit, kurz vor Schluss, sind wir doch noch bei dem Song, der in diesem Beitrag besprochen wird, angekommen: „Under the gun“ vom Greatest Hits Vol. 1-Album, 1993 erschienen mit dem schönen Titel „A slight case of overbombing“. Ein Jahr vorher gab es schon eine Zusammenstellung von ein paar B-Sides und sonstigem Zeug, das irgendwo rumlag, unter der Überschrift „Some girls wander by mistake“, übrigens eine Singzeile aus aus dem schon erwähnten „Teachers“.

Get ahead, go figure, go ahead and pull the trigger – everything under the gun

Das ist die letzte Textzeile von „Under the gun“. Kann sein, dass Andrew Eldritch eine Menge Druck verspürt, vielleicht weil er sich mit Doktor Avalanche jetzt auch noch gestritten hat oder weil er doch endlich das vierte Studioalbum rausbringen will oder was weiß ich. Vielleicht meint er aber auch, ganz im Wortsinne von „gun“, das Schießeisen, die Knarre, die Feuerwaffe. Und damit würde sich der Kreis zum Western vom Anfang schließen. Von mir aus.

[Unbedingte Hörempfehlung: Jim Steinmann hat unzählige und sehr erfolgreiche Platten produziert, darunter eben Meat Loafs „Bat out of Hell“ und „Bat out of Hell II – Back into Hell“ oder Bonnie Tylers „Faster than the speed of light“ oder irgendwas mit Céline Dion. Eine einzige hat er unter seinem Namen rausgebracht: „Jim Steinmann – Bad for good„. Daraus kann man sich ruhig mal „Rock and roll dreams come true“ anhören.]

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