Woche 3: Simply Red, Fairground

Genießen Sie Auerbachs Keller von außen! Mick Hucknall trifft es. Die Bahn kann nichts dafür.

Driving down an endless road

Ermattet von langer Reise und voll des guten Weines von der Saale blickt der Handlungsreisende aus dem Herbergsfenster auf die Thomaskirche zu Leipzig und fragt sich, was zum Kuckuck denn hier schiefgelaufen ist? Ich wollte doch längst zuhause sein, 17:44 Einfahrt des ICE am Frankfurter Hauptbahnhof und dann ab in die Landeshauptstadt zu den daheimgebliebenen Lieben. Und jetzt bin ich schlussendlich in Leipzig angekommen; hier kam die lustige Zuglautsprecherdurchsage, dass der Zug nicht mehr weiterfährt und im übrigen auch kein anderer mehr. Die Bahn habe den Fernverkehr eingestellt. In ganz Deutschland. Mit einigem Stolz kann ich behaupten, dass zumindest auf der Strecke Berlin-Leipzig der Verkehr wegen „meines“ Zuges zum Erliegen kam. Weil da eine Baumkrone ungelegen auf den Gleisen gelegen war und „mein“ Zug die mit ziemlichem Rums von eben diesen Gleisen wieder herunterbefördert hat. Bloß: Aus Leipzig kommst Du dann ja nicht mehr weg, wenn der Flughafen dicht ist, der Fernverkehr der Bahn bis 0:00 eingestellt hat, die Mietwagenfirmen mit den Einnahmen von heute schon auf den Bahamas weilen und die Postkutsche ins Hessische (aka der Fernbus) bis morgen früh um sechse braucht.

Walk around, be free and roam

Nü, da bleib ich halt, schau mir Leipzig an, ich war noch nie hier und finde das, was ich gesehen habe, sehr hübsch bis impressionant und würde gern mehr von dieser Stadt sehen: Thomaskirche, Schillerhaus, Nikolaikirche, Bundesverwaltungsgericht. Gegen die Sturmböen ankämpfend bin ich an „Auerbachs Keller“ vorbeigelaufen, mit dem festen Vorsatz, dort zur Abendstunde einen Humpen zu leeren. Und nu stehe ich quasi unter Hausarrest – Ausgangssperre in Leipzig! Im Förnsehen haben sie gesagt, man solle nicht rausgehen, wenn es nicht sein muss. Und erstens stümmt das ja immer, was die im Förnsehen sagen und zweitens muss es ja nicht sein. Ja, es gibt irgendsoein chinesisches Sprichwort mit einem Ziegel, der Dich bisher ja nicht getroffen hat und womöglich deshalb zukünftig auch davon absehen wird, aber ich will mir – wenn doch! – hinterher nicht anhören müssen, dass es ja irgendjemand vorher wusste und auch noch gesagt hat.

Pleasure at the fairground on the way

Dann also „pleasure on the way“, aber sowas von! Ich also nicht raus aus dem Hotel, sondern brav in der urigen Atmosphäre eines Hotelkettenrestaurants lecker was gegessen. Und im Restaurantradio dudelt fröhlich „Fairground“ dazu. Und als ich da näher hingehört habe (was man natürlich nur kann, wenn man unbeabsichtigt und ohne lokale Kontakte in einer deutschen Großstadt strandet), habe ich gemerkt, wie präzise der Text meine eigene gegenwärtige Situation erfasst. Ein transzendentaler Moment.

And I love the thought of coming home to you

Genau! Ich finde schon den Gedanken toll, heute nach Hause zu kommen und nicht noch eine Nacht im Hotel zu verbringen. Wird halt nix. Aber ich bin nicht der Einzige, es war vorhin ganz schön knapp mit den Zimmern. Als ich eingecheckt habe, hat die Kollegin an der Rezeption scharenweise Anrufer abwimmeln müssen. Auf Gleis 15 im Hauptbahnhof wurde schon im Laufe des späteren Nachmittags ein Auffangzug bereitgestellt, damit die Menschen irgendwo unterkommen. Damit sind wir wieder bei der Bahn, die für das Sturmtief nun wirklich nichts kann.

Even if I know we can‘t make it

Cooler Move von der Bahn, wenn sie die Textstelle in ihre Werbekampagne oder in die Unternehmensleitsätze aufnehmen würde. Ehrlicherweise hatte die Bahn im November letzten Jahres ihr Jahresziel für 2017 von 81% pünktlichen Zügen aufgegeben, weil absehbar war, dass es deutlich verfehlt werden würde. Das hat schon was von „even if I know we can‘t make it“. Laut Meldung von heute soll die Quote an pünktlichen Zügen 2018 auf 82% gesteigert werden, wobei „pünktlich“ so viel heißt wie „mal fünf Minuten mehr, mal fünf Minutern weniger“. Stichwort November 2017: In jenem Monat hat sich der japanische Bahnbetreiber Tsukuba Express bei den Reisenden per Pressemitteilung dafür entschuldigt, dass ein Zug 20 Sekunden zu früh abfuhr. Say it, Mick:

Let‘s make amends like all good men should

Und alles wegen Friedrike.

Unbedingte Hörempfehlung: Das Original von „If you don‘t know me by know“ von Harold Melvin & The Blue Notes, schon wegen des geilen Plattencovers. Die hessische Fassung „Evi, Du wohnst in Bad Nauheim“ gibt es leider nicht auf Tonträger und in den Audio Streamings. Ach, wär ich jetzt gern in Bad Nauheim. Mit der RB40 und der S1 wäre ich ruckzuck daheim…

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