Woche 2: The Cranberries, Dreams

Dolores O’Riordan singt nicht mehr. Die Neunziger sind nicht die Achtziger. Wann hat das „Wirtshaus“ eigentlich zugemacht?

Oh, my life is changing everyday in every possible way.

Gestern kam die Nachricht, dass Dolores O’Riordan, Sängerin der Cranberries, gestorben ist. Aus gegebenem Anlass und mit ganz viel Zuneigung höre ich mich seitdem und seit Ewigkeiten wieder mal durch die ersten beiden Alben. Ich konnte mich dunkel an die erste Platte der Cranberries, die ich gekauft habe und die eigentlich die zweite ist – „No need to argue“ -, erinnern, das war die mit „Zombie“ drauf. Danach habe ich mir erst das Debütalbum „Everybody else is doing it, so why can´t we?“ geholt. Und irgendwie waren beide Platten und überhaupt die Cranberries Mitte der Neunziger wichtig und gut, jedenfalls liefen sie bis Ende des Jahrzehnts vielleicht nicht gerade ständig, aber schon häufig im CD-Player. Seitdem aber so gut wie nicht mehr. Warum das – mit einer Ausnahme – so war, ist mir erst heute klargeworden: Die Alben sind nicht gut gealtert.

It’s never quite as it seems
Never quite as it seems

Kennt Ihr diesen akustisch ausgelösten Flashback? Ihr hört ein Lied, eine Akkordfolge oder eine Textzeile und erinnert Euch sofort an den Ort, die Klamotten, die Stimmung oder irgendetwas, das untrennbar mit dem Song und mit der Zeit, aus der dieser Song kommt, verbunden ist? Mir geht das so bei

In your heeeeead, in your heeeeead
Zo-ombie, zo-ombie, zo-ombie-ie-ie

Dann ist es sofort wieder Mitte der Neunziger, ungefähr 1995, das „Wirtshaus“ ist noch das „Wirtshaus“ und nicht das „Gestüt Renz“ (Wiesbadener wissen, wovon ich rede) und plötzlich schleicht sich zwischen „Smells like teen spirit„, The Offsprings „Self esteem“ und „Animal“ von Pearl Jam ein tiefes Gitarren-Intro und dann die glockenhelle Stimme von Dolores O’Riordan. Und die singt von Zombies und Panzern und Bomben und das war alles so aktuell und so politisch und in jedem Fall gegen Krieg und so. [Den konkreten, damals leider aktuellen Hintergrund eines Bombenanschlags der IRA am 20. März 1993 in Warrington hätte man vermutlich im „Rolling Stone“ nachlesen können, den hatte damals aber keine abonniert und das Internet für Musikrecherchen war noch nicht erfunden, also wusste das auch keiner von uns.]

Who are we mistaken?

Zombie“ war das Lied der Stunde, ein bisschen Post-Grunge (im Sinne von Nach-Grunge, nicht Deutsche Telekom-Grunge),ein bisschen Anti-Kriegs-Song (siehe oben) und eine spektakuläre, völlig neue Stimme. Und es gab ein neues Album von der Gruppe! Also ab in W.O.M. – World of Music, die Älteren erinnern sich -, die vier oder fünf CD-Player zum Reinhören besetzt, egal, kann ja nur gut sein, die CD für ungefähr 30 Mark gekauft und ab damit nach Hause. Und dann die ganz große Überraschung. So  wie niemand die Zeile „Who are we mistaken“ gescheit übersetzen konnte, konnte auch niemand ahnen, dass die Cranberries ja gar keinen Soft-Grunge, sondern eher ruhige, ein bisschen irisch angehauchte Folk-Pop-Rock-Musik machten. Aber deswegen gleich die CD zurückbringen oder, schlimmer noch, als Fehleinkauf abschreiben? Niemals, dafür waren die 30 Mark schlicht zu viel. Also wurde tapfer weitergehört und irgendwann war das gar nicht mehr so seltsam, sondern klang ziemlich gut und war auch noch so ein bisschen alternativ (so gut „alternativ“ bei einer Platte geht, die sechsundvierzig Wochen in den Charts war und von der rund anderthalb Millionen Tonträger in Deutschland verkauft wurden).

Um als Kenner durchzugehen, wurde dann auch die Vorgängerscheibe mit dem einnehmend-amateurhaften Titel „Everybody else is doing it, so why can´t we?“ gekauft und stur weitergehört. Und plötzlich fanden alle die Band irgendwie gut, die sechsundvierzig Wochen in den Charts kommen ja nicht von irgendwoher. Geholfen hat möglicherweise auch, dass eine andere Band aus Irland, nämlich U2 damals möglicherweise die größte Band der Welt war; wir erinnern uns, 1995 war noch die Zooropa-Ära und „Pop“ gab es noch nicht. Da kam für die Cranberries letztlich einiges zusammen: Irische Band und irgendwas anderes als Grunge und eine ganz neue Stimme und eingängige Songs, die in die Stimmung und zur Attitüde der Neunziger – nichts Konkretes, aber auf keinen Fall so hedonistisch-verspielt wie in den Achtzigern – passten, das war eine erfolgreiche Mixtur. Aber sie gehört eben in die Neunziger und davon bin ich offenbar noch nicht weit genug entfernt, um nostalgisch-verklärt oder unberührt-souverän die Musik einfach so hinzunehmen. Sondern da ist ein merkwürdiges Berührtsein, das mit dem aktuellen Trauerfall gar nichts zu tun hat, sondern eher etwas mit dem Unverständnis über meine eigene damalige Verbundenheit mit Songs, die heute nicht mehr „mit mir sprechen“, bei denen es mir fast schon schwerfällt, über einen Zeitraum von zwei Tagen zuzuhören. Da ist nichts mehr.

Mit einer Ausnahme: „Dreams„. Die Eingangsakkorde, die Gitarre, der Bass und die Drums in dem kurzen Instrumentalzwischenspiel, bevor Dolores O’Riordan dann loslegt:

Oh, my life is changing everyday in every possible way.

Das ist zeitlos, das ist immer noch genauso gut wie Mitte der Neunziger. Und auch wenn es heute die Familienkutsche ist, ich trete nochmal auf´s Gaspedal, denn das ist ein Song zum Schneller Autofahren. In Gedanken sieht Dolores O’Riordan noch genauso aus wie in dem Video und das heißt: so ähnlich wie die ganz junge Courtney Cox. Und das Bild behalten wir zum Gedenken an sie in Erinnerung.

[Unbedingte Musikempfehlung: Stichwort Courtney Cox, da könnte man natürlich auf „I´ll be there for you“ kommen. Aber es geht um „Dancing in the dark„. Kenner lächeln jetzt müde; die, die es jetzt noch nicht wissen, sollten mal ganz genau hinschauen, mit wem der Boss hier tanzt.]

[PS Das „Wirtshaus“ in der Wiesbadener Nerostraße hat 2003 geschlossen bzw. wurde zum „Gestüt Renz“, das es heute auch nicht mehr gibt. 2003 ist auch schon wieder 15 Jahre her. Wir werden älter.]

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