Woche 12: Hans Albers, Nimm mich mit, Kapitän, auf die Reise

Zurück von der Kreuzfahrt. Das Leben ist kein Ponyhof. Nimm uns mit, Käpt’n James.

Am Samstagabend ist mit einem rauschenden Captain’s Dinner unsere Kreuzfahrt zuende gegangen. Seit Dienstag waren wir für fünf Tage unterwegs, von Italien aus nach Syrien, dann durch den Suezkanal nach Indien und über die Karibik wieder zurück. Ein paar Tage einfach mal was anderes sehen, riechen, schmecken. So wichtig. Wie sang Hans Albers einst:

Nimm uns mit, Kapitän, auf die Reise
Nimm uns mit in die weite, weite Welt
Wohin geht, Kapitän, deine Reise?
Bis zum Südpol, da langt unser Geld
Nimm uns mit, Kapitän, in die Ferne
Nimm uns mit in die weite Welt hinaus

Das Lied stammt aus dem Film „Käpt’n Bay-Bay“, der 1952 an Originalschauplätzen und im „hessischen Hollywood“, der Film- und Landeshauptstadt Wiesbaden, gedreht wurde. Wiesbaden ist auch der Dreh- und Angelpunkt unserer Kreuzfahrt, denn selbstverständlich waren wir nicht auf einer echten Kreuzfahrt (Reisen! Kreuzfahrtschiffe! Die Umwelt!), sondern mit den Wiesbadener Hofköchen auf der Kulinarischen Kreuzfahrt: An fünf Abenden in der letzten Woche haben wir ein Menü für zwei Personen aus den oben genannten Ländern und Regionen genossen. Wie bei einer Kreuzfahrt (so stelle ich es mir jedenfalls vor) war es das Rundum-sorglos-Paket: Nachmittags haben wir die vorbereiteten und angerichteten Speisen abgeholt und nach dem Essen gab es – nach den einleitenden Klängen von „Nimm mich mit Kapitän auf die Reise“ organisierte Landgänge per Videolink oder Insights direkt aus der Kombüse. So spektakulär die Liveschalte nach Curaçao und die glasklare Abgrenzung von syrischer und irakischer Falafel waren, das echte Spektakel haben die Hofköche Abend für Abend auf unserem Esstisch veranstaltet. Liebe Leser:innen, das war sooo lecker! Egal ob bekannt oder unbekannt – von den Conchiglioni mit Spinat und Ricotta über die rote Linsensuppe, den Mangosalat mit Kochbananenchips und Currysalz, das Ceviche von Papaya mit marinierten Algen bis zur Waldpilzessenz könnte ich alles grad nochmal essen. Oder rückwärts : Nochmal das gefüllte Sellerieröllchen, das Jambalaya, den/die/das Shrikhand mit den Chilinüssen, die Falafel und den Brotsalat, bitte! Wir hatten das alles – in einer vegetarischen Variante – und mussten dafür nicht mal vom heimischen Küchentisch weg.

Wem es gerade ein bisschen viel heimischer Küchentisch ist, dem mag der Text von „Nimm mich mit Kapitän“ aus dem Herzen sprechen:

Mancher glaubt wohl fern vom Heimatland
Dort draußen, da liegt das Glück
Hat sich in die weite Welt gewandt
Und will nie mehr nach Hause zurück

Komponiert und getextet haben „Nimm mich mit Kapitän“ übrigens Norbert Schultze und Fritz Graßhoff.  Schultze komponierte neben „Lili Marleen“ einige Kampf- und Soldatenlieder für die Nazis und, etwas später, die Filmmusik zu „Die Mädels vom Immenhof“. Die künstlerische Bandbreite von „Bomben auf Engelland“ bis „Trippel Trappel Pony“ ist mir zu groß, um hier sinnvoll etwas dazu zu schreiben. Fritz Graßhoff hat als ernstzunehmender Schriftsteller und Maler offenbar ein bisschen darunter gelitten, dass er mit seinen Schlagertexten das Geld verdiente, das er brauchte, um die Dinge zu finanzieren, die er eigentlich machen wollte. Als dann auch noch sein einziger Roman in der Bundesrepublik floppte, wandte er sich 70-jährig in die weite Welt und wollte nie mehr nach Hause zurück. Sein Text, seine Entscheidung. Wie der drauf war. Sein letztes Gedicht schrieb er für seine eigene Todesanzeige. Das hat etwas Großes, wie etwa auch Herbert Feuersteins knapp zweistündiger eigener Nachruf.

Nimm mich mit, Kapitän, auf die Reise
Nimm mich mit, denn ich kenne jetzt die Welt
Wohin geht, Kapitän, deine Reise?
Bis nach Hause, hier, nimm all mein Geld
Nimm mich mit, Kapitän, aus der Ferne
Bis nach Hamburg, da steig ich aus
In der Heimat, da glühen meine Sterne
In der Heimat bei Muttern zu Haus
Zuhause ist es doch am schönsten. Dramaturgie des Seemannsliedes: Erst fährt einer weg, dem es daheim alles viel zu klein ist, und dann will er doch wieder nur zurück. Sei es in „Nimm mich mit Kapitän auf die Reise“ oder in „Unter fremden Sternen„. Dabei, hey, „Seemann, Deine Heimat ist das Meer„! Und was ist mit „Seemanns Braut ist das Meer“ (aus „La Paloma„)? Und da sind die vernünftigen Einwände des Vaters („Junge, komm bald wieder„) und die Hoffnungen einer jungen Hafenanrainerin („Ein Schiff wird kommen„) noch gar nicht berücksichtigt. Das ist sehr verwirrend und ich bin dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen zutiefst dankbar, dass es seinem Bildungsauftrag nachkommt und den interessierten Zuschauer:innen einen Überblick verschafft hat: 1982 übertrug das ZDF aus dem Schuppen Nr. 14 der Bremer Lagerhaus-Gesellschaft eine Art „Telekolleg Seemanslieder“, die Musik-Sendung „Nimm mich mit, Käpt’n James, auf die Reise“ auf der Grundlage der gleichnamigen LP des Orchesters James Last. Neben James Last traten u.a. Milva, Freddy Quinn und die Finkenwarder Speeldeel auf und brachten über zwanzig der beliebtesten Seemannslieder, darunter fast alle der oben genannten, zu Gehör. Was für ein Fest! Für eine VHS mit dem Mitschnitt der Sendung bitte Postkarte an das ZDF in 65 Mainz 500.
Nimm uns mit, Kapitän, auf die Reise
Nimm uns mit in die weite, weite Welt
Ahoi, liebe Hofköche! Wenn Ihr wieder aufbrecht, lasst es uns wissen. Wir freuen uns auf ein Wiedersehen mit Kapitän Baumgert, der Mannschaft aus dem Maschinenraum, den Smutjes aus der Kombüse und den Mitreisenden. Unbedingte Hörempfehlung, bis es wieder „auf See“ geht: What shall we do with a drunken sailor. Deutschlands wohl bekanntestes Shanty wird vor einer anderen Kneipe gesungen, dem Hamburger Schellfischposten, die hoffentlich auch bald wieder aufmacht, damit Ina Müller wieder ihre Gäste empfangen kann.

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