Woche 10: Billy Joel, Vienna

[Austrian Edition] Herr Joel gibt sich die Ehre. Alles fügt sich.

Gibt es ein Österreich jenseits des Klischees? Ganz bestimmt. Aber wo? Jedenfalls nicht innerhalb des Erfahrungshorizonts des Verfassers. Das ist nicht böse gemeint, es ist nur so, dass ich Österreich immer dann und dort erfahre, wo es am „Österreichischsten“ ist: Im Winter beim Skifahren, im Sommer in den Bergen und unterjährig ab und an in Wien. Also vermutlich dort, wo es doch am wenigsten Österreichisch ist. Wie dem auch sei, jedenfalls komme ich nicht umhin, in Österreich folgende Beobachtungen zu machen:

1) Walzerklänge laufen schon im Flugzeug bei der Anreise, Austrian Airlines sei Dank.

2) „Pickerl“, d.h die Vignetten oder das „Pay-Abonnement“ für die verhältnismäßig drögen Autobahnen, sind an der ersten Tankstelle, die man kurz hinter der Grenze anfährt, immer „grad aus“ und man muss mindestens eine Ecke weiterfahren.

3) Jede Nebenstraße windet sich, sobald sie in ausreichendem Abstand von der Autobahn liegt, in schwindelerregenden Kurven über Hunderte von Höhenmeter; der nicht ansässige Autofahrer tut es ihnen gleich und quält sich — um die unvermeidliche Reiseübelkeit aller Mitfahrer im Rahmen des Erträglichen zu halten — im Schneckentempo durch die Serpentinen, sehr zum Ärgernis der sehr wohl ansässigen und offenbar samt und sonders dem Rallyesport zugeneigten Einheimischen.

4) Auf der Alm gibt es zu jeder Jahreszeit Buttermilch, in Tirol mit diesem unnachahmlichen, gleichsam Messnerschen kehligen ch-Laut hinten, der so klingt, als würde die Kellnerin (im feschen Dirndl) Dich dabei anfauchen.

5) Der österreichische Fremdenverkehr bedient sich grundsätzlich nur des Superlativs, setzt diesen aber wiederum so geschickt in Relation zu irgendwas von hier, so dass keiner hinterher behaupten kann, man habe sie oder ihn falsch informiert.

6) Auf alles, was nicht bei Drei auf den Bäumen ist, passt ein Steinderl von Swarovski.

7) Anders als bei den benachbarten Deutschen scheint der Holländer die Eigenheiten der Österreicher innig zu lieben und besucht sie deshalb ebenfalls zu jeder Jahreszeit.

Ein gesegnetes Land. Tu felix Austria.

Zu etwas völlig anderem: Am 14.12.1978 gab William Martin Joel, den seine Freunde auch heute im fortgeschrittenen Alter noch „Billy“ nennen, sein erstes Konzert im Madison Square Garden in New York. Im Jahr zuvor hatte er das Album „The Stranger“ veröffentlicht, das in der Folgezeit mehrfach ausgezeichnet wurde und ihm zum Durchbruch im Musikgeschäft verhalf. Etliche Songs, die auf dem Album erschienen, tauchen auch auf der Setlist auf: Das Titelstück „The stranger“, „Movin‘ out“, „She‘s always a woman“ und natürlich „Just the way you are“ (mit dem Altsaxophonsolo von Phil Woods, natürlich, wer wüsste das nicht?).

Vor zwei Wochen, am 18.7.2018, gab Billy Joel sein 100. Konzert im Madison Square Garden, der Tag wird seitdem im Staat New York als „Billy Joel Day“ gefeiert. Seit 2014 hat er eine „residency“ (der Österreicher würde vermutlich von einer „Residenz“ sprechen) im  „Garden“ und spielt einmal im Monat ein Konzert vor ausverkauftem Haus. Bei der 100. Ausgabe hatte er als Gastmusiker keinen geringeren als Bruce Spingsteen mit dabei; ein erhebender Moment, wenn sich der Piano Man und der Boss zusammentun, um gemeinsam zu bekennen, sie seien „Born to run“. Übrigens werden beide nächstes Jahr 70.

Slow down, you crazy child. You‘re so ambitious for a juvenile

Hmnja, gilt wohl eher für den jüngeren Billy. Aber da kommt noch mehr:

Where‘s the fire, what‘s the hurry about? You‘d better cool it off before you burn it out.

Damit können wohl alle Altersgruppen etwas anfangen, am ehesten vermutlich das mittlere Alter – jedenfalls wenn man nach den Regalmetern in Buchhandlungen geht, die sich mit ähnlichen Botschaften an Mütter, Manager und das Midlife insgesamt wenden.

Die Textzeilen stammen aus Billy Joels Song „Vienna“ und so kommt alles zusammen: Es geht mittelbar um die österreichische Hauptsatdt und dieser Song war auf der Setlist vom ersten und auch vom 100. Konzert im Madison Square Garden. Billy Joel himself hat ihn jüngst als einen seiner Top 5 Songs genannt. Erschienen ist er auf dem oben schon zitierten Album „The Stranger“. Neben dem Grammy-ausgezeichneten „Just the way you are“ hat dieses vorzügliche Stück Musik möglicherweise nicht ausreichend Aufmerksamkeit bekommen; überhaupt hat man so viele Songs von Billy Joel im Ohr, dass die Lieder, die nicht auf irgendwelchen Compilations auftauchen, nicht so präsent sind. Die anderen dafür schon — zack, mal schnell zehn Billy-Joel-Titel aufgezählt, hier, bitteschön:

1) Piano Man

2) We didn‘t start the fire

3) New York state of mind

4) Just the way you are

5) The entertainer

6) You‘re only human

7) Leningrad

8) Prelude/Angry young man

9) Captain Jack

10) Miami 2017 (I‘ve seen the lights go out on Broadway)

Zurück zu „Vienna“. Das Stück hat Billy J. anlässlich eines Besuches bei seinem ihm fremd gewordenen Vater in Wien geschrieben. Quintessenz ist mehr oder weniger, dass man ein ganzes Leben zu leben hat und nicht in irgendeiner bestimmten Phase so da rangehen muss, als gebe es kein Morgen mehr.

Slow down, you‘re doing fineYou can‘t be everything you want to be before your time

Und wenn ich mich jetzt gerade so umschaue und die Berge so rumstehen sehe und den Fluss rauschen höre und die Wiesenblumen rieche, dann weiß ich, ich bin in Österreich und Wien ist weit und man könnte trotzdem mal hinfahren, weil man ja mit seiner Zeit auch was anfangen muss — aber:

Vienna waits for you.

Unbedingte Hörempfehlung: Billy Joel ist der einzige „performing artist“, der sowohl im Yankee als auch im Giants und im Shea Stadium aufgetreten ist. Shea Stadium, da war doch was? In erster Linie Baseball. Und 1965 fand dort das erste Stadion-Konzert der Rockgeschichte statt, natürlich von und mit den Beatles. 2008 wurde das Stadion abgerissen und das letzte Konzert gab – Billy Joel. Und er hatte wieder jemanden dabei und als derjenige auf die Bühne kommt…. Hört selbst.

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